| |
Seite - 47 -
gewesen wären, hingen ihre Augen hoffärtig an den goldenen
Kugeln ihres Rosenkranzes. So ward ihr Gottesdienst Pracht und
Hoffart, ihre Herzen aber hart gegen Gott und Menschen. Um
Gottes Gebote bekümmerte man sich nicht, seines Dienstes,
seiner Diener spottete man; denn, wo viel Hoffart ist oder viel Geld,
da kömmt gerne der Wahn, daß man seine Gelüsten für Weisheit
hält und diese Weisheit höher als Gottes Weisheit. Wie sie früher
von den Rittern geplagt worden waren, so wurden sie jetzt hart
gegen das Gesinde und plagten dieses, und je weniger sie selbst
arbeiteten, um so mehr muteten sie diesen zu, und je mehr sie
Arbeit von Knechten und Mägden forderten, um so mehr
behandelten sie dieselben wie unvernünftiges Vieh, und daß diese
auch Seelen hätten, die zu wahren seien, dachten sie nicht. Wo
viel Geld oder viel Hoffart ist, da fängt das Bauen an, einer
schöner als der andere, und wie früher die Ritter bauten, so bauten
jetzt sie, und wie früher die Ritter sie plagten, so schonten sie jetzt
weder Gesinde noch Vieh, wenn der Bauteufel über sie kam.
Dieser Wandel war auch über dieses Haus gekommen, während
der alte Reichtum geblieben war.
Fast zweihundert Jahre waren verflossen, seit die Spinne im Loche
gefangensaß, da war ein schlau und kräftig Weib hier Meister, sie
war keine Lindauerin, aber doch glich sie Christine in vielen
Stücken. Sie war auch aus der Fremde, der Hoffart, dem
Hochmute ergeben, und hatte einen einzigen Sohn; der Mann war
unter ihrer Meisterschaft gestorben. Dieser Sohn war ein schöner
Bube, hatte ein gutes Gemüt und war freundlich mit Mensch und
Vieh; sie hatte ihn auch gar lieb, aber sie ließ es ihn nicht merken.
Sie meisterte ihn jeden Schritt und Tritt, und keiner war ihr recht,
den sie ihm nicht erlaubt, und längst war er erwachsen und durfte
nicht zur Kameradschaft und an keine Kilbi ohne der Mutter
Begleit. Als sie ihn endlich alt genug glaubte, gab sie ihm ein Weib
aus ihrer Verwandtschaft, eins nach ihrem Sinn. Jetzt hatte er zwei
Meister statt nur einen, und beide waren gleich hoffärtig und
hochmütig, und weil sie es waren, so sollte auch Christen es sein,
und wenn er freundlich war und demütig, wie es ihm so wohl
anstund, so erfuhr er, wer Meister war.
Schon lange war das alte Haus ihnen ein Dorn im Auge, und sie
schämten sich seiner, da die Nachbaren neue Häuser hatten und
doch kaum so reich als sie waren. Die Sage von der Spinne und
was die Großmutter gesagt, war damals noch in jedermanns
Gedächtnis, sonst wäre das alte Haus längst schon eingerissen
worden, aber alle wehrten es ihnen. Sie nahmen aber dieses
Wehren immer mehr für Neid, der ihnen kein neues Haus gönne.
Zudem ward es ihnen immer unheimeliger im alten Hause. Wenn
sie hier am Tische saßen, so war es ihnen, entweder als schnurre
hinter ihnen behaglich die Katze, oder als ginge leise das Loch auf,
und die Spinne ziele nach ihrem Nacken. Ihnen fehlte der Sinn, der
das Loch vermachte, darum fürchteten sie sich immer mehr, das
Loch möchte sich öffnen. Darum fanden sie einen guten Grund,
ein neues Haus zu bauen, in dem sie die Spinne nicht zu fürchten
hätten, wie sie meinten. Das alte wollten sie dem Gesinde
überlassen, das ihrer Hoffart oft im Wege war, so wurden sie rätig.
Christen tat es sehr ungerne, er wußte, was die alte Großmutter
gesagt, und glaubte, daß der Familiensegen an das Familienhaus
geknüpfet sei, und vor der Spinne fürchtete er sich nicht, und wenn
|  |
|
| |
|
|